Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes
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Obturator-Prothesen

Im Rahmen einer Tumortherapie, nach einem schweren Trauma, nach verschiedenen Infektionskrankheiten oder der Behandlung ausgedehnter Zysten können im Kieferbereich große Hart- und Weichgewebsdefekte entstehen, die vorübergehend oder dauerhaft  mit einer sog. Obturator- bzw. Resektionsprothese aufgefüllt werden können. Obturator- oder Resektionsprothesen sind normale Zahnprothesen, die jedoch in den Defekt hineinreichen. Neben fehlenden Zähnen können zusätzlich große Knochen- und Kieferbereiche ersetzt werden. Auch angeborene Fehlbildungen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Aplasien (Nichtanlagen) oder Hypoplasien (Unterentwicklungen), die bei verschiedenen Syndromerkrankungen auftreten, können defektorientiert und individuell durch entsprechenden Zahnersatz versorgt werden. Eine Versorgung mittels Obturator- oder Resektionsprothese ist immer dann notwendig, wenn eine chirurgische Schließung der Defekte nicht mehr möglich ist oder nicht sinnvoll erscheint. So kommen Resektionsprothesen oftmals dauerhaft im Oberkiefer nach Entfernung eines Tumors im Gaumenbereich zum Einsatz, um so künstlich Mund- und Nasenhöhle wieder voneinander zu trennen. Bei der Behandlung von großen Zysten kann der Defekt wegen seiner Ausdehnung nicht immer direkt versorgt werden, sodass man Zyste und Defekt durch ständiges Anpassen des Obturators (Kunststoffpropf) zielgerichtet offenhält und verkleinert und die Zyste dann anschließend chirurgisch entfernt (modifizierte Zystostomie). Zudem wird die Wunde durch den Obturator vor dem Eindringen von Fremdstoffen wie Nahrungsreste oder Bakterien geschützt. Um eine sichere Verankerung der Prothese zu gewährleisten, können neben eigenen Zähnen Metallplatten, Implantate sowie Magnete herangezogen werden.

Behandlungsablauf

Aufgrund der individuellen anatomischen Verhältnisse und der unterschiedlichen Defektausdehnung erfordert die Versorgung betroffener Patienten auch eine individuelle Therapieplanung mit speziell angepasstem Behandlungsablauf. Im Vordergrund steht ein interdisziplinäres chirurgisch/prothetisches Behandlungskonzept, das eng mit der Kooperation des zahntechnischen Labors einhergeht. Je nach Komplexität führt dies zu einer längeren Behandlungsdauer; vor allem wenn aufgrund mangelnder Retentionsmöglichkeiten zusätzlich mit Implantaten und Knochenaufbau gearbeitet werden muss. Die genaue Darstellung und Abformung des Defektbereiches und der eventuell zuvor eingesetzten Implantate und Halteelemente stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Vorabformung wird meist mit einem Silikon vorgenommen, danach erfolgt ggf. eine Korrektur mit einem detailgenaueren Abformmaterial. Im Rahmen der Rehabilitation wird bis zur Anfertigung und Eingliederung des definitiven Zahnersatzes eine möglichst komfortable temporäre Versorgung angestrebt, um den Patient zwischenzeitlich zu versorgen.

Kleine Werkstoffkunde

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Hierbei handelt es sich um ein Präzisionsabformaterial auf Silikonbasis aus der Gruppe der C-Silikone (kondensationsvernetzend). Bei Entstehung der Molekülketten  aus Si-O-Gruppen kommt es zur Abspaltung von Alkohol, was zu einer leichten Schrumpfung des abgebundenen Materials führt. Dementsprechend bezeichnet man die Abbindereaktion als Polykondensation. Aufgrund seiner hohen Konsistenz und mittelfließenden Eigenschaft eignet es sich ideal zur Abformung im Defektbereich. Nach Entfernung von etwaigen Unterschnitten kann eine Korrekturabformung mit einem dünnfließenderen Abformmaterial vorgenommen werden, was vor allem eine präzise Abformung und Aufnahme von Implantatstrukturen ermöglicht.

 

Impregum/Permadyne

Als gute Kombination zur präzisen Detailwiedergabe im Defektbereich haben sich hierbei Impregum Penta Soft und Permadyne als dünnfließende Abformmaterialien auf Polyetherbasis bewährt. Polyether ist ein hydrophiles („wasserliebendes“) Abformmaterial, das durch kationische ringöffnende Polymerisation abbindet. Aufgrund seiner Molekülstruktur und seines Fließverhaltens eignet es sich gut zur Abformung im feuchten Milieu des Mundes.

Vor- und Nachteile im Überblick

Obturation/Defektverschluss
Verbesserung der Retention des Zahnersatzes
Ersatz von Hart- und Weichgewebe
Soziale Integration
Erhöhte Lebensqualität

Normalisierung der Strömungsverhältnisse der Nasenatmung bei defekten im

Gaumenbereich

Verbesserung der Kau- und Schluckfunktion
Wiederherstellung der Sprechfunktion


Fremdkörpergefühl
Funktionelle Probleme
Umarbeitung und Anpassung notwendig

nach erfolgter Bestrahlung bei Tumorpatienten darf ca. ein halbes Jahr kein

schleimhautgelagerter Zahnersatz getragen werden (Gefahr der

Osteoradionekrose)

Verlängerte Behandlungsdauer bei Implantatinsertion durch Einhaltung der

Einheilphasen

Entstehung einer Periimplantitis (Entzündung um Implantate) bis hin zum

Implantatverlust

Kontakt- /Ansprechpartner

Prof. Dr. F. P. Nothdurft
Oberarzt der Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde

Telefon

0 68 41 - 16 - 2 49 03
Telefax

0 68 41 - 16 - 2 49 52
E-Mail

frank.nothdurft @uks.eu

Quellenangaben

Fachliteratur

  • Curriculum Prothetik (J.R. Strub, J.C. Türp, S. Witkowski, M. B. Hürzeler, M. Kern) - 3., überarbeitete und erweiterte Auflage - Quintessenz, 2005.
  • Die prophylaktisch orientierte Versorgung mit Teilprothesen (P. Pospiech) - 1. Auflage - Thieme, 2001.
  • Zahnärztliche Prothetik (W. Gernet, R. Biffar, N. Schwenzer, M. Ehrenfeld) - 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage - Thieme, 2007.
  • Lehrbuch der zahnärztlichen Prothetik (R. Marxkors) - 5., überarbeitete und erweiterte Auflage - Deutscher Zahnärzte Verlag, 2010.
  • Taschenbuch der Zahnärztlichen Werkstoffkunde (R. Marxkors, H. Meiners) - 5., überarbeitete und ergänzte Auflage - Deutscher Zahnärzte Verlag, 2001.
  • Oxidkeramiken und CAD/CAM-Technologien (J. Tinschert, G. Natt) - Deutscher Zahnärzte Verlag, 2007.
  • Nothdurft F.P., Propson M., Spitzer W.J., Pospiech P.R.: Implantatgetragene Versorgung eines ausgedehnten Resektionsdefektes der Maxilla – Ein mehrstufiges Therapiekonzept. Schweiz Monatsschr Zahnmed 118: 827-834 (2008)
  • Verschiedene Leitlinien und Stellungnahmen der DGZMK.
  • Bildatlas zur Patienteninformation in der Zahnarztpraxis „Zahnärztliche Prothetik“ (P. Rammelsberg, P. Pospiech) -  Spitta, 2005.

Copyright/Abbildungsnachweis

Alle Illustrationen wurden vom Universitätsklinikum des Saarlandes, Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde erstellt und sind somit urheberrechtlich geschützt. Die Übernahme, Weiterverwendung und Veröffentlichung bedarf in jedem Fall der vorherigen schriftlichen Zustimmung der Klinikleitung. Wer gegen das Urheberrecht verstößt, macht sich nach dem Urheberrecht strafbar. Zudem wird er kostenpflichtig abgemahnt und muss Schadenersatz leisten. (15.06.2016)