Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Leitung: Prof. Dr. med. Thomas Volk
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Die Geschichte der Anästhesie

  

Bereits seit Menschengedenken wurde mit den unterschiedlichsten Mitteln experimentiert, um das Leiden und die Schmerzen der Menschen zu lindern. Im Altertum handelte es sich dabei um Mischungen oder Extrakte aus Wein, Bilsenkraut, Nieswurz, Hanf, Mohn oder Alraune  (Mandragora officialis, Wirkstoff L-Hyoscyamin/Scopolamin).
Plinius beschrieb den Mandragorawein mit folgenden Worten:  "Er kann ganz gewiß benützt werden, den Schlaf herbeizuführen, wenn man sein Augenmerk auf die Menge richtet ... Auch ist er ein alltäglich Ding zu trinken gegen Schlangenbisse: wie vor dem Schneiden und Brennen, dem Stechen und Punktieren eines Gliedes, um die Empfindung und das Gefühl bei solch außergewöhnlichen Praktiken auszulöschen."

1540 entdeckte Theophrast von Hohenheim genannt  Paracelsus (1493-1541) , Schweizer Arzt und Alchemist den Äther ("süsses Vitriol"). Paracelsus beschrieb Äther folgendermaßen: "... es ist so süß, dass es auch von Hühnern gefressen wird, diese schlafen dann ein und wachen nach einer Weile ohne Schaden genommen zu haben wieder auf."

Seine wohl bekannteste These, die auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren hat, lautet: "Dosis facit venenium" (Die Menge macht das Gift)", "Wenn ihr jedes Gift richtig erklären wollet, was ist denn kein Gift? Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis bewirkt, dass ein Ding kein Gift ist."

Opium bezeichnet er als ?Laudanum?, das Lobenswerte.

1772 endeckte Joseph Priestley, englischer Chemiker und Pfarrer das Lachgas, auch Stickoxidul genannt, aber auch Sauerstoff, Ammoniak, Kohlendioxid und Schwefeldioxid.
Lachgas wurde in den folgenden Jahren in Varieteshows aufgrund seiner euphorisierenden Wirkung zur Belustigung der Zuschauer oder bei sogenannten Lachgasparties verwandt. Erst über 70 Jahre später sollte man die betäubende Wirkung erkennen.
"Schmerzen bei Operationen zu vermeiden ist eine Schimäre, die man heute nicht mehr weiter verfolgen darf" schrieb der französische Chirurg Velpeau noch 1839.

1844 erkannte der Bostoner Zahnarzt Horace Wells durch Zufall auf einer Vorstellung des Entertainers Gardner Quincy Colton, dass im Lachgasrausch, einer Jahrmarkt- und Partyattraktion, Verletzungen nicht schmerzen. Ein Jahr später versuchte er in einer öffentlichen Vorführung im Massachusetts General Hospital in Boston einen Patienten mit Lachgas in einen Zustand der Bewußt- und Schmerzlosigkeit zu versetzen, was ihm aber zu diesem Zeitpunkt nicht gelang.
Der Patient schrie bei Beginn der Narkose auf, wie alle anderen vor ihm auch. Wells wurde verlacht und beging wenige Jahre danach Selbstmord.

 

Am 21.12.1845 nahm Sir Robert Liston (*1798 - 1847) in England einen ersten chirurgischen Eingriff unter Äthernarkose vor. Er galt als d er Schnellste der chirurgischen Zunft und amputierte am 21.12.1846 unter Narkose ein zertrümmertes Bein in nur 28 Sekunden. In der Zeit vor Einführung der Narkose mußte ein Chirurg möglichst schnell arbeiten. Der Eingriff musste beendet sein, bevor der Patient an Blutverlust oder Schock aufgrund kaum noch vorstellbarer Schmerzen sterben konnte. Liston war von einer solch virtuosen Schnelligkeit, dass er einmal bei einer hohen Oberschenkelamputation im Berufseifer einen Hoden des Patienten und zwei Finger eines Assistenten mitentfernte.

 

Das Geburtsdatum der modernen Anästhesiologie i st der 16.10.1846 ("Äthertag"). Der damals 27jährige Zahnarzt William Thomas Green Morton demonstrierte im Massachusetts General Hospital an gleicher Stelle wie sein gescheiterter Lehrer Horace Wells zwei Jahre zuvor die Möglichkeit des neuen Anästhesieverfahrens bei einem chirurgischen Eingriff. Er verwendete Schwefeläther, das aus einem Glaskolben "Bostoner Glaskugel"  heraus vom Patienten inhaliert wurde (Inhalationsnarkose). Der Patient war der 20-jährige schwindsüchtige Buchdrucker Gilbert Abbott, der an einem kleinen, oberflächlich liegenden Tumor unterhalb des linken Unterkiefers litt.

Als bald begann der Chefarzt des Hospitals, John Collins Warren (1778-1856), mit seiner Arbeit und entfernte den Tumor gerade noch rechtzeitig vor dem Erwachen des Patienten. Als dieser ganz bei Bewußtsein war, rief Warren - das blutige Messer noch in der Hand - dem erstaunten Publikum zu: "Meine Herren, das ist kein Humbug!" ("Gentleman, this is no humbug!"). Der Patient Abbott gab an, daß er keine Schmerzen empfunden hatte, nur ein unbestimmtes Gefühl beim Schaben des Messers. Schon wenig später wurde die Äthernarkose in Amerika und Europa bei den verschiedensten chirurgischen Eingriffen verwendet, auch als es in seltenen Fällen zu Todesfällen durch die Narkose kam. Doch schon bald darauf gab es Konkurrenz für die Äthernarkose durch das 1831 durch Justus Liebig entdeckte Chloroform.

Am 4.11. 1847 testete der Gynäkologe Sir James Young Simpson in Edinburgh nach einem Abendessen gemeinsam mit 2 Kollegen im Selbstversuch die narkotische Wirkung des Chloroforms. Bereits Tage später gelang es ihm unter Chloroformbtäubung erfolgreich die Frau eines Kollegen zu entbinden. Das neugeborene Mädchen erhielt den Namen "Anästhesia".
Im gleichen Jahr prägte der amerikanische Anatom Oliver Wendell Holmes (1809-1894) den Begriff der "Anästhesie".
Der Einsatz von Anästhesiemedikamenten in der Geburtshilfe führte zur damaligen Zeit zu heftigen Protesten in Kirche und Gesellschaft. Der Interpretation der Bibel entsprechend waren die Menschen vielfach der Ansicht, dass der Geburtsschmerz etwas Gottgewolltes sei und nicht beseitigt werden dürfe. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären. (Genesis II, 16 - die Vertreibung aus dem Paradies). Der bibelfeste Simpson entgegnete jedoch, dass die erste Narkose von Gott an Adam durchgeführt wurde, als er Eva erschuf.
Altes Testament (Genesis II, 21.): "Und da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf den Menschen (Adam) fallen, so daß er einschlief, nahm ihm eine seiner Rippen und verschloß darüber das Fleisch."  

 

Chloroform als Anästhetikum erlangte einen hohen Bekanntheitsgrad, nachdem es John Snow, einem englischen Epidemiologen, am 07.04.1853  Königin Victoria von England während einer Geburt verabreichte. Queen Victoria brachte Prinz Leopold zur Welt. Die Narkose "à la Reine" ging um die Welt.
John Snow war der erste "Berufsanästhesist" und trug aber auch entscheidend zur  Bekämpfung der Choleraepidemie in London 1854 bei.

 

Im Laufe der Zeit wurde Äther aufgrund seiner Entflammbarkeit und Chloroform wegen seiner Giftigkeit durch bessere inhalative Mittel zur Anästhesie ersetzt. Die Sterblichkeitsrate bei Operationen war damals extrem hoch. Bei schwereren Eingriffen oder höherem Alter verloren bis zu 90 Prozent der Patienten ihr Leben. Da nun aber nicht alle chirurgischen Eingriffe die totale Bewußt- und Schmerzlosigkeit des Patienten erforderte, bemühte man sich auch, die lokale Anästhesie zu entwickeln. Die Geschichte der  Lokalanästhesie begann 1884 in Wien, wo Siegmund Freud, der später auf dem Gebiet der Psychoanalyse eine neue Epoche begründen sollte, mit der Wirkung der Substanz Cocain experimentierte. Carl Koller, ein befreundeter Augenarzt in Wien, berichtete über erfolgreiche Anwendung von Cocain zur Hornhautanästhesie. Diese Entwicklung wurde unter anderem vom deutschen Chirurgen Carl Ludwig Schleich weitergeführt, der die Grundlage der heutigen Infiltrationsanästhesie legte. William Stewart Halsted erprobte die Lokalanästhesie an über 1000 Patienten und entwickelte die Leitungsanästhesie, welche von Maximilian Oberst ausgebaut wurde.

 

James Leonhard Corning (Neurologe in New York) prägte den Begriff "Spinalanästhesie" nach Untersuchungen am Rückenmark von Hunden mit Cocain. 1886 veröffentlichte er das erste Lehrbuch über Lokalanästhesie 

 

Schließlich gelang es dem Chirurgen Karl August Bier (1861-1946) 1898/99 durch Einspritzen der Cocainlösung in den Rückenmarkskanal die sogenannte Lumbalanästhesie zu begründen. Er erprobte die Spinalanästhesie an Patienten, seinem Assistenten Hildebrandt und sich selbst mit Cocain. Er berichtete über schweren Kopfschmerz und mußte 9 Tage das Bett hüten. 1908 führte er die intravenöse Anästhesie mit Procain ein.

 

Um 1890 wuchs die Erkenntnis, dass durch Mischen von Narkosegasen die Dosierung der Einzelsubstanzen und damit auch ihre gefährlichen Nebenwirkungen verringert werden können. Der Sauerstoff wurde als notwendiger Bestandteil eines Narkosegasgemisches erkannt, um eine Narkose nicht nur über wenige Minuten, sondern über eine längere Zeitspanne ausdehnen zu können. Erste Apparaturen zum Mischen und Dosieren von Narkosegasen wurden konstruiert.

 

1904 wurden erste chirurgische Operationen am eröffneten Brustkorb unter Fortführung der Atemtätigkeit möglich. Franz Kuhn propagierte die Überdruckbeatmung, die auch heute noch konsequent durchgeführt wird.

1910 konstruierte Henry Janeway das erste L-förmige Laryngoskop.

1926 führte Arthur Guedel (amerik. Anästhesist)  den gecufften endotrachealen Tubus ein.

1932 setzte Hellmuth Weese  Evipan ein. Die sogenannte Schlafspritze wurde zu einem überwältigenden Erfolg. Die Schrecken der Narkose verschwinden. Lord Muffield, Autofabrikant in England unterstützte aufgrund eigener positiver Erfahrungen mit Evipan durch eine Stiftung den ersten Lehrstuhl für Anästhesie

Ab 1950 setzt eine stürmische Entwicklung zahlreicher neuer Anästhetika ein. Diese sind besser gereinigt, wirken gezielter und ihre Wirkdauer ist besser überschaubar (1951 Succinylcholin, 1952 Morphin, 1956 Halothan, 1960 Fentanyl, 1966 Enfluran, 1967 Einführung von Pancuronium - in der Folgezeit Sufentanil, Alfentanil, Atracurium ..)
Eine Etablierung des Fachgebietes mit der Vorgabe von Weiterbildungsrichtlinien und der Einführung eines Facharztes für dieses Gebiet ließ jedoch lange Zeit auf sich warten. Am 31. März 1952 nahm die Arztekammer des Saarlandes als erste Arztekammer in Deutschland den ?Facharzt für Narkose und Anästhesie? in die saarländische Facharztordnung auf; am 6. September des gleichen Jahres wurde in Salzburg die ?Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Anästhesiologie? gegründet. Erst 1966 wurde das erste Ordinariat für Anästhesie in Deutschland an der Universitätsklinik Hamburg eingerichtet (Prof. Dr. K. Horatz).

 

In den 60er und 70er Jahren nahm die Anästhesie in Deutschland eine rasante Entwicklung. An vielen Krankenhäusern wurden hauptamtliche Anästhesieabteilungen eingerichtet, die in der Mehrzahl auch operative Intensivtherapiestationen einführten und leiteten.  Die operative Intensivmedizin umfasste bald auch die Betreuung von bei Unfällen schwer verletzten Menschen. Mit Einführung des Notarztwesens in Deutschland und der zunehmenden Bedeutung der Schmerztherapie erschien die Beteiligung des Anästhesisten nur folgerichtig . Die Entwicklung der modernen Anästhesie ermöglicht es den chirurgischen Disziplinen nun Operationen durchzuführen, an die Anfang des Jahrhunderts noch nicht denken zu war.

 

Literatur zur Geschichte der Anästhesie

Brandt, L. (1997). Illustrierte Geschichte der Anästhesie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart.

Ridder, P. (1993). Chirurgie und Anästhesie: Vom Handwerk zur Wissenschaft. S. Hirzel Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.