Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes
Institut für Molekulare Zellbiologie
Prof. Dr. Peter Lipp
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Folgen der Nutzung von Pestiziden

Pestizide stehen heute in Verbindung mit bis zu schwerwiegenden gesundheitsschädlichen Auswirkungen bei Wirbeltieren und anderen Lebewesen, wie Pflanzen, Pilzen und Insekten.

Die vielen chemischen Substanzen, die unter dem Begriff Pestizide zusammengefasst werden, greifen bei verschiedenen Organismen in unterschiedliche lebenswichtige Stoffwechselvorgänge ein. Die Wirkung von Insektiziden reicht von einer

Schädigung der Reizleitung im Nervensystem und der Hemmung der Blutgerinnung

bis hin zur Lähmung des Atem- und Kreislaufzentrums. Neben den definierten Zielorganismen wie Insekten, Pilzen oder Unkraut werden immer unbestimmte und damit unbeabsichtigte Organismen beeinträchtigt. Hierzu zählen wild lebende Tiere und

Pflanzen, Nutztiere und Nutzpflanzen sowie auch der Mensch, bei dem ein Kontakt

mit Pestiziden vor allem zu unspezifischen Krankheitsbildern führen kann.

Hierbei werden Kanzerogenität, Genotoxizität, allergisierende Potentiale, Störungen bei Magendarmflora, Hormonhaushalt, Nieren und Leber, Beeinträchtigung des Nervensystems, Fehlgeburten und Missbildungen bei Föten, sowie etliche weitere Krankheiten aufgeführt.


Akute Erkrankungen

Zu den typischen Vergiftungssymptomen beim Menschen, die relativ leicht als

akute Pestizid-Vergiftung diagnostizierbar sind, zählen Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, Empfindungsstörungen der Haut, Hautausschlag, Konzentrationsstörungen, Schwächegefühl, Kreislaufstörungen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen,

übermäßiges Schwitzen, Sehstörungen, Zittern, Schreckhaftigkeit, Krämpfe etc.

sowie in schweren Fällen Koma und Tod.

Die Diagnose einer akuten Pestizid-Vergiftung erfolgt meist durch die Feststellung

eines oder mehrerer der Krankheitssymptome, die innerhalb kurzer Zeit nach einem

Kontakt mit Pestiziden auftritt und so von Patienten oder Ärzten in Verbindung mit

diesem Pestizid-Kontakt gebracht werden können. Allerdings können die Symptome

relativ leicht mit anderen Krankheiten verwechselt werden. Für eine eindeutige Diagnose können Rückstandsanalysen die ursächlichen Pestizide in Blut, Urin oder

Mageninhalt nachweisen.


Chronische Erkrankungen

Neben den akuten Vergiftungen können Pestizide, wenn sie über einen langen Zeitraum aufgenommen werden chronische Erkrankungen verursachen. Die Symptome sind oft diffus oder bleiben über einen längeren Zeitraum aus und führen zu Spätfolgen. Besonders betroffen sind landwirtschaftliche Arbeiter, aber auch die allgemeine Bevölkerung, die z.B. mit belasteten Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen oder durch Verwehungen von Feldern mit Pestiziden in Kontakt kommt. Die Kenntnisse über Effekte einer lang anhaltenden Pestizid-Belastung sind bisher noch sehr begrenzt.


Das meist verwendete Pestizid - Glyphosat

Das heute meist verwendete Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat steht dabei im Fokus.

2015 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung das Totalherbizid Glyphosat in die Kategorie 2A "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft.

Mittlerweile jedoch steht der Hauptproduzent Monsanto, von dem das Herbizid unter dem Namen "Roundup" seit 1974 vermarktet wird, hart in der Kritik. Unter anderem formulierte das International Monsanto Tribunal am 18. April 2017 den Vorwurf eines "Ökozids".

 

Der Schweizer Chemiker Henri Martin synthetisierte Glyphosat erstmalig als Komplexbildner, welches sich das amerikanische Unternehmen Stauffer Chemicals 1964 patentieren ließ und wegen seiner metallbindenden Eigenschaft als Rohrspülmittel verkaufte.

Erst einige Jahre später entdeckte der Konzern Monsanto seine herbizide und unselektive Wirkung und beantragte 1974 ein Patent.

Seit 2010 hat Monsanto Glyphosat erneut patentieren lassen, diesmal jedoch als Antibiotikum.


Forscher werden aufmerksam

Aufmerksam wurden Forschergruppen auf das Schädigungspotential von Glyphosat durch vermehrte Beschwerden von Viehzuchtbetreibern, die große Teile ihres Viehs verloren hatten und hohe Zahlen an Fehlgeburten und Missbildungen bei Jungtieren feststellten. Die Missbildungen waren beim Schädelbereich und den hinteren Extremitäten stark ausgeprägt.

 

(wegen Glyphosat deformiertes Ferkel)

 

Zurückgeführt wurde dies auf hohe Konzentrationen von Glyphosat im Futter der Tiere. Das Futter, welches aus Soja hergestellt wird, wird aus Argentinien, Brasilien und den USA nach Europa in großen Mengen importiert und geht selten durch weitere Qualitätskontrollen vor der Fütterung an das Vieh. Die Sojapflanzen dürfen in diesen Ländern genmanipuliert werden, sie sind also resistent gegen Totalherbizide wie Glyphosat gemacht worden.

Forscher fanden daraufhin den pathogenen Erreger Clostridium botulinum in Blutproben betroffener Viehbestände und vermehrte Antikörper in Blutproben der Landwirte.

Fazit ist, dass Glyphosat starke Auswirkungen auf die Bakterienflora im Magendarmtrakt und eine abtötende Wirkung auf gesundheitsfördernde Bakterien, aber eine neutrale Wirkung auf pathogene Bakterien habe.


Daten und Fakten

Besonders schwerwiegend seien Ergebnisse von Langzeitstudien in den Agrarregionen von Argentinien, wo Menschen täglich dem Herbizid in hohen Dosen ausgesetzt sind. Das medizinische Institut von Rosario legte umfassende Forschungen an, anhand derer Statistiken erhoben werden konnten, die aufweisen, dass seit der intensiveren Nutzung von Glyphosat Mitte der 90er Jahre, auch die Anzahl der Krebs- und Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen, sowie extreme Hautausschläge und temporäre Übelkeits- und Schwindelzustände gestiegen sei.

Demnach zeigten Kinder unter 14 Jahren dreimal mehr Fälle von Leukämie und anderen Krebsarten auf.

Zwischen 1995 und 1999 gab es durchschnittlich etwa 6 Fehlgeburten auf 100 Schwangerschaften, in den Jahren zwischen 2010 und 2014 stieg die Anzahl jedoch auf 22,5 Fehlgeburten.

Auch die Anzahl der Kinder mit Missbildungen stand zwischen 2000 und 2004 noch auf einem Wert von 8,8 bei 1.000 Geburten, die sich in den Jahren von 2010 bis 2014 auf 17,5 erhöhte.

Auch seltenere Krankheiten wie das Non-Hodgkin-Lymphom oder die Ösophagusatresie traten ungewöhnlich vermehrt auf.

 

 

In Sri Lanka fiel die hohe Sterberate durch Nephropathien auf, dem Forschungsteams nachgegangen sind. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass im Trinkwasser eine viel zu hohe Konzentration von gebundenen Schwermetallen vorlag, die enorme Auswirkungen auf den Körper, insbesondere auf die Niere nach Aufnahme über das Trinkwasser hat.

Auch dies ließ sich auf den Gebrauch von Glyphosat zurückführen, das bekanntermaßen Metalle in Wasser lösen und selber binden kann.

Sri Lanka stellte als Konsequenz ein Verbot für den Gebrauch von Glyphosat aus.

 

 

Eine weitere Gefahr stellt nicht nur Glyphosat als alleiniges Herbizid dar, vielmehr sind es Schadstoffgemische, die ein noch höheres Risiko für die Gesundheit sind.

Da einige dieser Stoffe wasserlöslich und andere fettbindend wirken, können sie die Membranbarriere aufbrechen und diese öffnen, womit Zellen quasi ungeschützt mit den Chemikalien in Verbindung geraten.

Doch durch fortschreitende Resistenzbildungen von Pflanzen, als auch von Insekten und Pilzen, reichen einfache Pestizide kaum noch aus, weshalb Landwirte nahezu gezwungen sind viele solcher Vernichtungsmittel zu kombinieren.

 

 

Glyphosat lässt sich statistisch mittlerweile in jedem zweiten Bewohner Deutschlands anhand von Urinproben nachweisen, jedoch werden viele aussagekräftige Studien unabhängiger Forschungsinstitute in Bezug auf dessen gesundheitsschädigende Wirkung ignoriert oder ganz abgelehnt. Überhand nehmen stattdessen Studien, die meist von den Herstellern selbst finanziert und durchgeführt werden und als verifiziert gelten, teilweise sogar der öffentlichen Einsicht vorbehalten sind.


Auswirkung von Glyphosat auf Ratten