Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie begrüßt den Vorstoß von Verkehrsminister Ramsauer zur Einführung der Helmpflicht. Unfallchirurgen forderten zuletzt im Mai 2011 eine gesetzliche Helmpflicht, um der rückläufigen Helmtragequote entgegenzuwirken. Kopfverletzungen sind die Ursache für die Hälfte aller Todesfälle bei unbehelmten Radfahrern. Unter Berücksichtigung dieser Verletzungssituation sind eine konsequente öffentliche Diskussion und das Vorantreiben einer gesetzlichen Helmpflicht nach wie vor zwingend erforderlich, teilt Professor Dr. Tim Pohlemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, mit.
Statement der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie:
Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland
Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ist als Vertretung der unfallchirurgisch tätigen Ärzte in Deutschland für das konsequente Tragen eines Fahrradhelms während des Radfahrens. Zudem unterstützt sie Initiativen in Deutschland, eine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer einzuführen.
Die klinische Erfahrung der Unfallchirurgen zeigt, dass das Tragen eines Fahrradhelms in vielen Fällen schwere Kopfverletzungen verhindern oder abmildern konnte und in Einzelfällen lebensrettend war.
Analog den Erfahrungen nach der Einführung der Gurtpflicht für Autofahrer und der Helmpflicht für Motorradfahrer ist nur durch eine gesetzliche Vorgabe eine deutlich messbare Reduktion von Verletzungen und Verletzungsfolgen zu erwarten.
Jedoch sollte in der teilweise sehr emotional geführten Diskussion zur Durchsetzbarkeit einer gesetzlichen Verankerung nicht unnötig Energie verloren gehen. Das eigenverantwortliche Tragen eines Fahrradhelms ist eine vergleichsweise einfach zu
realisierende Schutzmaßnahme. Allerdings ist die Helmtragequote rückläufig. Während 2009 noch 11 Prozent der Fahrradfahrer einen Schutzhelm trugen, waren es 2010 nur noch neun Prozent. Unter dem Aspekt der Freiwilligkeit muss daher eine Intensivierung der aufklärenden Präventionsarbeit stattfinden, um dem Fahrradfahrer den Nutzen einer persönlichen Schutzausrüstung zu verdeutlichen.
Die diskutable Einschränkung in der persönlichen Entscheidungsfreiheit durch eine gesetzliche Fahrradhelmpflicht betrachtet die DGU vor dem Hintergrund der unfallchirurgischen Versorgung von verunfallten Fahrradfahrern als zweitrangig. Bei der Behandlung der Unfallverletzten bis zur Wiederherstellung in Familie, Beruf und Freizeit durch Orthopäden und Unfallchirurgen sehen diese eher die vielen Einzelschicksale von Patienten jeden Alters und das persönliche, oftmals langfristige Leid für Betroffene und Angehörige.
Ein gesundes Gefahrenbewusstsein, eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz der Notwendigkeit persönlicher Präventionsmaßnahmen, die Weiterentwicklung modisch angepasster, funktioneller und bezahlbarer Helme und Schutzvorrichtungen, zusammen mit erweiterten begleitenden Maßnahmen zur Förderung eines risikoarmen Fahrradverkehrs sind nötig, um die Freude an der Bewegung mit dem Fahrrad zu fördern und gleichzeitig das Verletzungsrisiko zu verringern!
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Weitere Informationen auch in der Pressemitteilung der DGU „Fahrradfahren – ein unterschätztes Risiko!“ vom 03.05.2011:
Fahrradfahren – ein unterschätztes Risiko
Berlin, 03.05.2011: Die Zahl der Fahrradunfälle ist viel höher, als es die polizeiliche Statistik aufweist. Fahrradhelm tragen, nach Alkoholgenuss nicht nur Verzicht auf das Auto, sondern auch auf das Fahrrad und Beachtung der Fahrradsicherheitsanforderung raten Unfallchirurgen zum Schutz und zur Vermeidung von Fahrradunfällen teilt Professor Hartmut Siebert, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), mit.
Die amtliche Unfallstatistik zeigt nur die halbe Wahrheit. So das Ergebnis einer aktuellen Studie aus Münster, in der die erschreckend hohe Dunkelziffer verletzter Radfahrer erstmals klar gezeigt wurde. Während im Studienzeitraum lediglich 723 Fahrradunfälle in die amtliche Statistik eingingen, konnten die Unfallforscher insgesamt 2250 Unfälle dokumentieren. Besorgniserregend ist, dass 25 Prozent der Verletzten eine Kopfverletzung erlitten, aber umgekehrt nur sechs Prozent einen Fahrradhelm trugen. Vielfach war Alkoholkonsum die Ursache der schweren und tödlichen Fahrradunfälle.
Die Experten sind sich einig, dass die Verantwortung des Fahrradfahrers für seine eigene Gesundheit zukünftig noch deutlicher im Zentrum konkreter Präventionsmaßnahmen stehen muss. Dies umzusetzen, auch im Kontext der vielfältigen Präventionsstrategien der öffentlichen Hand, ist das erklärte Ziel der neu gegründeten interdisziplinären „Arbeitsgruppe Fahrradfahrer“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Dazu der Leiter der Arbeitsgruppe, Unfallchirurg Professor Johannes Sturm: „Wer glaubt, dass zwei Räder sicherer sind als vier Räder, der unterliegt einem lebensgefährlichen Trugschluss. Gerade der Fahrradhelm ist im Bewusstsein der breiten Bevölkerung noch nicht angekommen“.
Zukünftige Präventionsarbeit, so die einhellige Ansicht der Expertengruppe, muss sich auf drei Säulen stützen. Dazu gehört das eigenverantwortliche Tragen eines Fahrradhelms, und zwar in jedem Alter und bei jeder Fahrt. Ein nach den strengen Prüfkriterien zertifizierter Fahrradhelm ist die einzige „Knautschzone“ des Radfahrers. So wird das Risiko einer schweren Schädelhirnverletzung um mindestens 50 Prozent reduziert. Zweitens muss über die trügerische Sicherheit beim Radfahren unter Alkoholkonsum aufgeklärt werden. Richtig ist es, das Auto nach Alkoholkonsum stehen zu lassen. Falsch ist es, dann mit dem Rad zu fahren! Die eigenen Studienergebnisse sprechen eine klare Sprache: das höchste Risiko für tödliche Fahrradunfälle tragen alkoholisierte Radfahrer, ganz gleich ob sie stürzen oder mit einem motorisierten Fahrzeug kollidieren. Als dritte Säule der Prävention gilt eine noch weiter gehende Verbesserung der technischen Sicherheitsstandards. Dabei kommt der Sichtbarkeit von Fahrzeug und Fahrer eine zentrale Bedeutung zu. „Wer ohne Licht fährt, der fährt auch ohne Verstand“ stellt Professor Johannes Sturm unmissverständlich klar und ergänzt: „Ob jung oder alt, wir empfehlen jedem Radfahrer auch beim Stehen und Schieben des Rades für gute Sichtbarkeit zu sorgen, am Besten durch Reflektoren, helle Kleidung und Standlicht“.
Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie setzt sich für die optimale Behandlung von Unfallverletzten ein, und zwar beginnend bei der Vermeidung von Unfällen und Verletzungen, über die optimale Behandlung bis hin zur Wiedereingliederung in Familie, Beruf und Freizeit. Sie unterstützt aktiv die Arbeit des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, beispielsweise als aktiver Kooperationspartner der Kampagne „Runter vom Gas!“ des DVR und des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
